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Das Phänomen „Weblog“:
Immer mehr Online-Tagebücher verstopfen das Internet. Jeder kann’s,
jeder macht’s, aber kaum einer hat seinen Lesern etwas mitzuteilen –
INSIGHT zeigt die rühmlichen Ausnahmen
Senfstau im Cyberspace
Das Problem ist der
Senfstau. Jahrzehntelang unentdeckt und allenfalls vermutet, zeigt sich
in Deutschland mehr und mehr die Existenz einer gewaltigen, aufgestauten
Menge nicht dazugegebenen Senfs. Die schlechte Nachricht: Dieser Senf
hat inzwischen einen Weg durch die Staumauer gefunden. Der Weg heißt:
Weblog.
Ein Weblog ist eine Art
Logbuch, wie man es vom TV-Captain Kirk kennt: Der schreibt auf und
kommentiert, was er mit seinem Raumschiff so angestellt hat. Ein Weblog
funktioniert im Wesentlichen genauso, nur steht’s im Internet und ist
damit für jeden lesbar. Und hier beginnt das Schwierige:
Raumschiff-Logbücher sind nicht zum Lesen gedacht, sondern für den
Unfall oder Zwischenfall der Fälle.
Entsprechend würde kein Admiral sie freiwillig anfassen. Weblogs
hingegen sollen gelesen werden, und brauchen darum ein halbwegs
interessantes Thema. Oder einen Autor, der so interessant ist wie ein
Kapitän des Jahres 2200. Beides ist rar, hindert aber die vereinte
deutsche Medienschar nicht, unverdrossen und immer mehr Logbücher zu
schreiben. Captain Kirk leidet an Geschwätzigkeit. Und das fiele kaum
auf, wenn es nicht zwei Weblogs gäbe, die zeigen, was wirklich mit
dem Medium anzufangen ist.
Bildblog (www.bildblog.de)
heißt das zweifellos beste. Ein Kern von vier Redakteuren hat sich zum
Ziel gesetzt, der größten Tageszeitung Deutschlands auf die Finger zu
sehen. Das machen sie erfreulich konsequent, kompetent und unverkrampft.
Sie stellen Bild-Enthüllungen als das bloß, was sie oft tatsächlich
sind: tolldreist verkaufte alte Geschichten, wesentlicher Teile beraubte
Fakten oder überzogene Überschriften. Sehr schön wird auch auf das
gewachsene Interesse des Blatts an der Reinhaltung einer Grünanlage
hingewiesen, just nachdem der Chefredakteur in deren Nähe ein neues
Domizil bezogen hatte.
Obendrein gibt’s noch
nette Extras wie das Wörterbuch Bild–Deutsch. Das erklärt, dass eine
„Aschenputtel-Richterin“ eine Richterin in einer Robe ist, ein
„Eis-Vater“ ein „Mann, dessen Ehefrau das gemeinsame Kind nach dessen
Tod in der Tiefkühltruhe aufbewahrt“ und ein „Flucht-Affe“ so etwas
Ähnliches wie ein „Ausbrech-Bär“. Unterm Strich kann ein Weblog also
Unterhaltsames mit Erkenntniswert liefern. Feine Sache.
Nicht ganz so
unterhaltsam, aber ausgesprochen penibel gibt sich Vorbild Nummer zwei:
www.spindoktor.de. Stefan Krempl und Daniel Delhaes weisen
tagesaktuellen Meldungen unterschwellige Tendenzen nach. Oder sie
quengeln, wenn die deutschen Medien in braver Einmütigkeit den
EU-Bericht herunterspielen, in dem Deutschland bei der
korruptionsbedingten Verschwendung von EU-Mitteln immerhin Platz zwei
einnimmt. Gut, das ist nicht immer spaßig, ermutigt aber zum Blick über
den eigenen Tellerrand. Und setzt damit eine Messlatte, unter der die
anderen munter durchrauschen. Das tun die meisten vor allem deshalb,
weil sie eine Grundregel des Mediums missachten: Kauf keine Schrankwand,
wenn du mit dem Fahrrad unterwegs bist.
„Das Weblog ermöglicht
uns eine einmalige Kontinuität“, sagt Christoph Schultheis von Bildblog.
„Sonst könnten wir unsere Beobachtungen allenfalls hier und da in
Tageszeitungen veröffentlichen.“ Ein schönes Zusammentreffen also von
Form und Funktion. Wir notieren: Weblog ist prima, wenn man einen guten
Inhalt hat. Das aber haben die wenigsten.
So werfe man
beispielsweise einen Blick in den „Dienstraum“ (www.dienstraum.com).Optisch
schön aufgemacht, entpuppt er sich als medienspezifische Presseschau
ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Eine Art Wühltisch ohne ernsthafte
Kommentierung. Warum soll man da reinschauen?
Oder das „Jonet-Medienlog“: eine Sammlung mehr oder weniger
medienspezifischer Zeitungsartikel. Die Herangehensweise ist eher
chronistisch denn kritisch oder analytisch, und nach zweimaligem Besuch
der Site stellt sich auch hier die Frage: Wozu? Genauso ergeht es einem
beim „Medienrauschen“ (www.medienrauschen.de), einem eher technisch
orientierten Weblog, das auf die Kooperation der Dateientauschbörse
Kazaa mit dem Internetfernsprecher Skype genauso hinweist wie auf die
Trennung von Makromarkt und Dieter Bohlen.
Wenn man nicht weiß,
was man erwarten kann, wird man auch nicht reingucken. Wirklich
erstaunlich jedoch ist, dass auch alte Hasen bei der Suche nach einem
adäquaten Thema nicht fündiger werden. Die springen zwar munter auf den
Weblogzug auf, aber auch nur aus dem einen Grund, nicht oder weniger
verschnarcht auszusehen. Das Füllproblem bleibt dasselbe, sei es beim
Handelsblatt (http://blog.handelsblatt.de), der Zeit (www.zeit.de/blogs)
oder dem Internetangebot der Schwäbischen Zeitung (www.szon.de/blog).
Deren selbstverständlich trendgemäß auf „Blog“ verkürzte
Alltagsrundschau mokiert sich über Schreibfehler wie „Arzgebirge“ oder
den Weltrekord im Kopfrechnen. Es darf gegähnt werden. Von der
Schwäbischen Zeitung erwartet man ja auch keine Wunderdinge, viel
verblüffender ist, dass auch bei der Zeit das Werkeln im Ungefähren
nicht besser wird.
Gleich sieben Weblogs
schaufeln die Hamburger ins Netz, alle eher ein Experiment am lebenden
Redakteur. „Die Onlineredaktion hat mir den Vorschlag gemacht, das
Weblog zu führen, Vorgaben bekam ich keine“, erzählt Zeit-Musikexperte
Ulrich Stock. Also berichtet er in „Musik und so“ über Konzerte kleiner
Kapellen und watscht mit großer Freude die Konkurrenz des Hamburger
Abendblatts ab. Politikredakteur Jochen Bittner hat sich den Terrorismus
als Thema ausgesucht, bietet aber letztlich nur eine Art persönliche
Leserbetreuung: Mal werden Zuschriften beantwortet, mal Reaktionen auf
eigene Artikel abgelegt. Ist das die Welt der Zeit? Es sind Stocks
Welten, es ist Bittners Welt, und das ist wohl eher was für ausgewiesene
Fans. Obwohl Bittner nicht allzu viele haben dürfte, denn er akzeptiert
nur Leser mit adäquaten Rechtschreibkenntnissen. Lehrer unter sich?
Auch der Politkollege
und Kolumnist Gero von Randow füllt sein Weblog „Megawatt“ mit
alltäglichen Beobachtungen und Gedanken mäßiger bis gehobener
Heiterkeit. Da denkt man an Eckhard Henscheids „Sudelblätter“ im
Zeit-Magazin zurück und folgert: Einmal pro Woche gedruckt tut’s eben
auch. Zumindest ist es interessant, anhand der Einträge nachzuverfolgen,
zu welchen Uhrzeiten von Randow vorm PC sitzt. Außerdem tröstet die
angenehme Entdeckung, dass man bei der Zeit wenigstens zwei Fliegen mit
einer Klappe schlägt und das „Jonet-Weblog“ gleich mitgeliefert bekommt.
Spannender wird’s trotzdem nicht, aber die Ursache ist wenigstens klar:
die Zeit hat ganz offiziell von Tuten und Blasen sparsame Ahnung.
„Blogs sind Websites
für jedermann“, behauptet das Wochenblatt, als wäre ein Fahrrad eben
auch nur ein Sitz. Ist es aber nicht: Nur wer sich nicht bewegt, kommt
mit einem Sitz genauso klar. Wer nichts zum Nachfüllen hat, der wäre mit
einer einfachen Website besser bedient.
Wie zum Beispiel der
Chefredakteur des Berliner Kuriers, Hans-Peter Buschheuer. Der hat eine
Homepage für seinen Hund (www.gummischuh.de) und eine für sich (www.buschheuer.de),
auf beide kommen in unregelmäßigen Abständen größere Foto strecken von
Feiern und Ausflügen, im höchsten Maße textarm und erfreulich
unprätentiös. Was gerade beim Stellenwechsel wichtig sein kann. Denn
wenn auch Homepage und Weblog den gemeinen Leser mit unter kalt lassen –
künftige Arbeitgeber interessiert womöglich schon mal die Weltsicht des
Kandidaten. Vermutlich hat man also auch beim Kurier Buschheuers
Homepage angesehen und nichts Nachteiliges gefunden.
Ein ähnlicher Blick hätte vielleicht auch der Münchner Abendzeitung gut
getan. Wer das Weblog von Harry Luck besucht (www.harryluck.de), gewinnt
nachhaltig den Eindruck, der Mann sei fünf Jahre lang nur deshalb für
ddp durch den Bayerischen Landtag gelaufen, weil man leider vom
Verfassen von Regionalkrimis, Witzbüchern für Computerbenutzer und dem
Besuch von 22 Herman-van-Veen-Konzerten nicht leben kann. Muss er auch
nicht: Seit Dezember führt Luck für die Abendzeitung die Geschäfte im
Politikressort. TIMUR VERMES
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Wer sonst noch Tagebuch führt:
www.blogbar.de
Die Autoren um Dotcomtod-Gründer „Don Alphonso“ haben kürzlich
das erste Weblog-Buch mit dem viel sagenden Titel „Blogs!“
herausgegeben.
www.ringfahndung.de
Auf dieser Seite dokumentieren meist Fotos die Absurditäten des
Alltags: vom verstopften Zuckerstreuer bis Lenny Kravitz.
http://medienspiegel.ch
Unregelmäßig aktualisierte Beobachtung der Schweizer
Medienlandschaft.
http://publizistik-in-berlin.de
Weblog von Studenten der Publizistik- und
Kommunikationswissenschaft der Berliner Freien Universität. Weiß
über das Ende von Charlotte Roche und den
aktuellen Seminarplan Bescheid.
www.onlinejournalismus.de/logbuch
Begleitblog des Online-Medienmagazins. Läuft noch unter
„Beta-Version“, sieht aber bereits ganz hübsch aus.
www.wortfeld.de
Die inhaltliche Mischung ist unübersichtlich bis allumfassend.
Eigener Anspruch: „Ein Weblog mit Schwerpunkt auf Medien- und
Netzpolitik, das allerdings auch Hydrantenschilder und
Schützenumzüge erwähnt.“
http://maennerseiten.de/blog
Der Medien-Männerblog. Kündigt sich entsprechend großspurig an:
„No need to look good, when you are perfect.“ |
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