REIN THEORETISCH
Vor ein, zwei Jahren haben mir Google-Anzeigen beim Surfen gerne Bücher über
forensische Medizin zum Kauf empfohlen. Warum eigentlich nicht, schließlich bin ich
doch Fan von „Quincy“ und dem „letzten Zeugen“. Aber das konnte Google eigentlich
nicht wissen, und irgendwann kam ich drauf: Die von mir besuchte Site schaltete auf
„Forens-uche“, und ich freute mich über Googles Fehlleistung.
Mittlerweile sieht das anders aus. Mein Kind wird dieses Jahr eingeschult, und ich
habe mir mal die – leider meist geschmacklich mehr als grenzwertigen – Schulranzen
online angesehen. Google will mir jetzt immer wieder diese Scheußlichkeiten verkaufen
und empfiehlt mir zudem Alternativen für das Hotel, das ich vor ein paar Wochen für
den Skiurlaub gebucht hatte. Irgendwie gruselig.
Dass Amazon mir immer mal wieder Bücher und DVDs empfiehlt, hat mir schon manch-
mal, ich gestehe da eine gewisse Verführbarkeit, zu interessanten Neukäufen verholfen.
Facebook und Twitter sind inzwischen beliebte Orte der Internetrecherche für
Diebe und Einbrecher geworden (Bin gerade auf dem Flughafen. Zwei Wochen Südsee.
Kein Schnee!). Aber auch zu Zeiten, als es nur Anrufbeantworter gab, gab es schon
genug Leichtsinnige, die via Ansage Urlaubsbeginn und -ende jedem Anrufer mitteilten.
Also Stecker raus? Nicht unbedingt, aber nicht zu leichtsinnig sein und immer wieder die
ach so sorglosen Internet-User warnen. Das schon. Und das Internet nicht überschätzen.
Klar, find ich es irgendwie prima, dass dieses Editorial rein theoretisch von fast jedem
mit Internetanschluss gelesen werden kann. Welch technische Reichweite! Welch globale
Bedeutung, rein theoretisch. Aber der Topf, aus dem Journalistengehälter und Autoren-
honorare gezahlt werden, wird dadurch nicht wirklich voller.
Schon mal online bei der Landlust, dem Shootingstar der Publikumszeitschriften
gewesen? Da soll noch einer sagen, ohne hochprofessionelle Internetpräsenz kann man
heutzutage im Print keinen Blumentopf mehr gewinnen.
skibowski@t-online.de